Cyberrisiken durch KI: „Die Reaktionszeit muss schneller werden.“

3. September 2026

Deepfakes, Spoofing & Co. – Künstliche Intelligenz verschärft die Bedrohungslage in der Finanzbranche. Banken müssen handeln, um auf aktuelle Cyberrisiken schnell zu reagieren. Dr. Steffen Bartsch von Berenberg ordnet ein, wie Banken sich vorbereiten und Schäden minimieren können.

Portraitbild von einer Person auf einem Screen, die virtuell erstellt wurde

Herr Dr. Bartsch, inwieweit haben sich die Anforderungen an Cybersicherheit durch KI verändert?

Dr. Steffen Bartsch: Grundlegend sehe ich keine große Veränderung bei den Anforderungen – Patch-Management haben wir schon immer gemacht. Jedoch müssen die Organisation und die technische Umsetzung viel schneller werden, da die Bedrohungen wachsen und Sicherheitslücken schneller ausgenutzt werden können. Es braucht beschleunigte Prozesse und IT-Systeme, die diese Anforderungen erfüllen.

Die größte Herausforderung besteht also darin, schneller zu werden?

Dr. Steffen Bartsch: Ja, die Zeit ist ein zentraler Aspekt. Die wenigsten Banken sind Start-ups, die schnell agieren und mit modernsten Systemen arbeiten. Die meisten Banken arbeiten mit strukturell gewachsenen IT-Systemen, die erst modernisiert werden müssen. Um die Reaktionszeit zu beschleunigen, die im KI-Zeitalter erforderlich ist, übertragen wir bei Berenberg schrittweise Legacy-Systeme in moderne Technologien.

Zudem verändert sich die Risiko-Balance von einer Übergewichtung der reinen Betriebsstabilität hin zur Sicherheit. Wir patchen dann, wenn es notwendig ist. Man kann nicht mehr sagen: Wir patchen nicht, weil wir eine Down-Time haben könnten.

Wo liegt der Unterschied zwischen großen und kleinen Banken in der IKT-Risikosteuerung?

Dr. Steffen Bartsch: Die Komplexität unterscheidet sich von Bank zu Bank, es kommt darauf an, wie viele Prozesse ausgelagert sind bzw. selbst gesteuert werden. Wir bei Berenberg als mittelgroße Bank haben zum Beispiel eine umfangreiche IT, die wir steuern müssen. Dafür haben wir weniger Gremien und agieren direkter.

Wo spielt der Mensch eine Rolle? Und wo ist er künftig mehr gefragt als heute?

Dr. Steffen Bartsch: Der Mensch übernimmt eine überwachende Rolle. Jemand muss für die Ergebnisse der KI die Verantwortung tragen und sie begleiten. Außerdem muss jemand entscheiden und die Organisation davon überzeugen, welche Themen gerade die höchste Priorität haben. Das kann eine KI unterstützen, aber nicht ersetzen. Dass Menschen Bedrohungsanalysen durchführen, ergibt ebenfalls weitaus mehr Sinn als eine reine Datenanalyse durch KI. Auch nehmen wir als Team diverse Learnings im Prozess mit, die uns weiterbringen.

Wie gehen Sie bei Berenberg vor? Testen Sie bereits verfügbare Frontier-KI-Modelle für die Schwachstellensuche?

Dr. Steffen Bartsch: Wir nutzen bei Berenberg Frontier-KI-Modelle beispielsweise intensiv für Vibe-Coding (Softwareentwicklung rein über Textbefehle an eine KI, die den eigentlichen Code schreibt) und zum Aufspüren von Schwachstellen in Software. Dabei setzen wir sowohl Modelle von Anthropic als auch von OpenAI und Google ein.

Aktuell verwenden wir KI noch nicht beim Pen-Testing, also der Simulation von Cyberangriffen. Wir kennen alle die Beispiele von KI-Agenten, die eigenmächtig ihren Scope erweitern und nicht mehr kontrollierbar sind. Das können wir uns beim Pen-Testing nicht erlauben. Aktuell sind wir mit unseren klassischen Schwachstellenscans und Pen-Tests gut aufgestellt. Wir erwarten aber von unseren Pen-Test-Dienstleistern, dass sie die neuen Möglichkeiten nutzen.

Wie minimieren Sie den Schaden in Ihrer Bank, wenn ein Angriff stattfindet?

Dr. Steffen Bartsch: Hier setzen wir weiterhin auf klassische Incident-Response-Pläne, da die Auswirkungen immer sehr individuell und nicht direkt reproduzierbar sind. Durch KI haben wir noch keine entscheidenden Verbesserungen bemerkt, bewerten das aber immer wieder neu. Dabei ist uns immer bewusst, dass wir gerade bei technischen Gegenmaßnahmen die KI engmaschig durch Menschen steuern und kontrollieren müssen.

Wer trägt die Verantwortung, wenn die Künstliche Intelligenz eine Sicherheitslücke übersieht oder falsch priorisiert?

Dr. Steffen Bartsch: Die Frage der Haftung ist sehr spannend. Es gibt häufig zwei Akteure: die Seite, die den Prompt schreibt und KI-Handlungen überwacht – und die Seite, die die KI und deren Verhalten entwickelt hat. Beide haben ihren Beitrag geleistet. Das ist teilweise schwer auseinanderzuhalten. Der Sicherheitsvorfall bei OpenAI und Hugging Face zeigt, dass sich KI nicht immer vollständig überwachen lässt. Aber die promptende Seite hat ggfs. bewusst Sicherheitsfunktionen ausgeschaltet oder nicht berücksichtigt. Dann liegt, aus meiner persönlichen Sicht, hier die Verantwortung. Das wird man jedoch im Einzelfall immer wieder diskutieren müssen.

Zur Person

Portraitfoto von Dr. Steffen Bartsch einem Referenten für den Bank-Verlag

Dr. Steffen Bartsch

Chief Information Security Officer bei Berenberg

ist seit September 2015 bei der Privatbank Joh. Berenberg, Gossler & Co. tätig, wo er als CISO die Informationssicherheit leitet. Zuvor forschte der promovierte Informatiker unter anderem an der TU Darmstadt zur organisatorischen Informationssicherheit. In seiner heutigen Rolle bei Berenberg verantwortet er die strategische Ausrichtung der Informationssicherheit und die Umsetzung des Informationssicherheitsmanagements für Berenberg.

Das könnte Sie auch interessieren

Titelbild der Fachtagung FinAI Day eine Frau blickt auf bunte Lichterwand

Fachtagung: AI:FinDay

KI ist heute aus dem Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken. Die Fachtagung für Künstliche Intelligenz im Finanzsektor beleuchtet die zentralen Fragen zum Einsatz von KI in Banken

Jetzt anmelden
Ein Mikrofon neben den Loge des Podcasts "durch die bank" vom Bank-Verlag – Der Podcast zur Digitalisierung der Finanzbranche

Podcast: Echt oder KI?

Prof. Dr. Martin Steinebach vom Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT berichtet über Risiken und Schutzmaßnahmen zu Deepfakes in der Finanzbranche.

Jetzt anhören
Schemen vom Menschen vor einem dunklen Hintergrund in rot & weiß

Magazin: Claude Mythos & Co.

Experten von Bafin, BSI sowie der Finanzbranche zeigen auf, welche neuen Cyberrisiken durch z. B. Claude Mythos entstehen und wie Banken sich davor schützen können.

Jetzt lesen

BV connect Newsletter

Lesen und Mitreden: Bleiben Sie informiert

Sie wollen erfahren, was gerade in der Finanzbranche diskutiert wird? Sichern Sie sich regelmäßige Updates rund um die Finanzbranche.

Ein lächelnder Mann mit Laptop in der Hand, der vor einer Wand steht

Mehr erfahren

Entdecken Sie weitere Facetten des Bank-Verlags

Zwei Personen unterhalten sich geschäftlich freundlich vor modernem Business Ambiente

Unser Magazin & Newsletter BV connect

Sie wollen erfahren, was gerade in der Finanzbranche diskutiert wird? In unserem Magazin finden Sie Hintergründe, Interviews, Podcasts und aktuelle Fachveranstaltungen.

Jetzt lesen
Frau sitzt mit Kopfhörern entspannt unterwegs im Bus mit Smartphone in den Händen

Unser Podcast: BV durch die bank

Der Podcast zur Digitalisierung der Finanzbranche. Wir gehen hinter die Buzzwords und bitten Experten zum Gespräch. Entdecken Sie unsere Podcastfolgen.

Jetzt anhören
Frau und Mann führen freundliche und geschäftliche Fachdiskussion über aktuelle Herausforderungen der Finanzbranche im gehen auf einer Treppe

Akademie: Man lernt nie aus

Die aktuellen Herausforderungen der Finanzbranche sind spannend und chancenreich. In unseren Fachveranstaltungen erhalten Sie wertvolle Wissens-Upgrades und inspirierende Angebote.

Mehr erfahren