PSR/PSD3: „Wir müssen darauf schauen, was wir selbst bewegen können“

24. Juni 2026

Für Ende 2026 ist die Veröffentlichung der neuen Payment-Regulierung PSR/PSD3 im EU-Amtsblatt angekündigt. Katja Lehr, Managing Director, Europe Product Head und EMEA Payments Industry & Advocacy Lead bei J.P. Morgan, erklärt, welche Rolle sie der neuen PSR/PSD3 zuschreibt und ob die Regulatorik in Europa wirklich so einzigartig ist.

Zwei Hände zeichnen auf einer digitalen, leuchtenden Weltkarte verschiedene Verbindungen ein.

Frau Lehr, ist der europäische Finanzmarkt im internationalen Vergleich überreguliert?

Katja Lehr: Es ist schwierig, Europa eins zu eins mit dem Rest der Welt zu vergleichen. Ich meine: Nein. Wir sind kein alleinstehendes Land. Wir sind eine Payments-Union und da muss eine Basis für ein funktionierendes Miteinander geschaffen werden.

Welche regulatorischen Entwicklungen außerhalb Europas sind vergleichbar mit der PSR/PSD3?

Katja Lehr: Regulierung des Finanzmarktes gibt es auch in anderen Teilen der Welt. In Indien zum Beispiel wird gerade eine Nation mit vielen Milliarden Menschen in eine komplett digitalisierte Zahlungsverkehrswelt transformiert. Wenn wir uns vergleichen, schauen wir jedoch in der Regel eher nach UK oder den USA. Die USA, wo man mehr auf die Selbstregulierung des Marktes vertraut, sind ein bisschen weniger reguliert als Europa. Wirklich ungewöhnlich oder schlimm ist es in Europa aber nicht.

Sind die USA in vielen Bereichen schneller und innovativer, weil dort weniger reguliert wird?

Katja Lehr: Nicht alles, was aus den USA kommt, ist auch erfolgreich. Man findet es dort aber auch nicht so schlimm, wenn etwas mal nicht funktioniert. Ich denke, der Umgang mit Innovation ist eine Frage der Kultur. In Europa haben wir im Vergleich zu den USA oft zu viel Angst, zu scheitern.

Ein zweiter Punkt ist in diesem Zusammenhang wichtig: In Europa neigen wir dazu, Neues sehr schnell zu regulieren. Der AI Act und auch MiCA sind gute Beispiele dafür. Man kann den Eindruck gewinnen, wir regulieren etwas, was wir eigentlich noch nicht wirklich verstanden haben. Beim Thema Agentic Commerce macht es die Kommission aktuell anders. Sie hat dieses Thema aus der PSR/PSD3 explizit ausgeklammert. Hier sollen zunächst die tatsächlichen Entwicklungen in der Praxis abgewartet werden, bevor etwas in einem delegierten Rechtsakt geregelt wird.

Gibt es irgendwo auf der Welt ein vergleichbares Konstrukt wie in Europa, also länderübergreifende Initiativen, um verschiedene Themen im Zahlungsverkehr zu regeln?

Katja Lehr: Ja, die gibt es. Zum Beispiel im APAC-Raum mit Nexus oder auch pan-afrikanische Initiativen, die stark von Südafrika getrieben sind. In Afrika scheitert es jedoch immer wieder daran, dass die Länder sich nicht auf eine gemeinsame Lösung einigen können.

Gibt es Märkte, die bei der Betrugsbekämpfung besonders weit sind?

Katja Lehr: Wir in Europa sind durchaus führend. Das einzige Land, das uns meines Erachtens nach wirklich voraus ist bei dem Thema, ist Singapur. Hier wurde 2024 ein Fraud-Framework implementiert, das Telekommunikationsunternehmen und große Plattformen mit haftbar macht. Diese Unternehmen werden also mit in die Verantwortung gezogen, wenn es zu Betrugsfällen kommt. Singapur ist damit das erste Land, das beim Thema Betrug nicht nur auf die Finanzwirtschaft blickt

Was sollte der deutsche Markt jetzt richtig machen, um im internationalen Zahlungsverkehr wettbewerbsfähig zu bleiben?

Katja Lehr: Wir sind ein Teil von Europa. Als Einzelmarkt können wir uns nur im Hinblick auf die Menschen hier verstehen. Verbraucher:innen in Deutschland haben andere Bedürfnisse und verhalten sich anders als Verbraucher:innen in Spanien oder Italien. In Schweden gibt es z. B. eine Online-Banking-Penetration von 99 Prozent. In Deutschland haben wir immer noch keine 65 Prozent erreicht. Wir haben also noch Luft nach oben. Grundsätzlich finde ich, sollten wir weniger darauf schauen, wie wir Konkurrenz z. B. aus den USA verhindern können, sondern uns mehr darauf konzentrieren, was wir selbst bewegen können.

Wie zum Beispiel mit Initiativen, wie Wero, dem digitalen Euro oder Stablecoins?

Katja Lehr: Souveränität ist sicherlich ein Treiber. Wir sind tatsächlich im Zahlungsverkehr sehr abhängig von US-Anbietern, zumindest auf der Retail-Seite. Es gibt zwar immer noch Länder wie Deutschland, die sich ein lokales Zahlungssystem leisten. In anderen Ländern geht die Kartenzahlung nur noch in internationalen Netzwerken auf. Allerdings stoßen wir in Europa an unsere Grenzen, wenn wir pan-europäisch zahlen wollen. Ob Wero oder der digitale Euro die richtigen Lösungen dafür sind, weiß ich nicht. Der digitale Euro kann sicherlich eine Möglichkeit sein, weil es ein Mandat geben wird, d. h. wir müssen ihn alle umsetzen. Beim Stablecoin, der auf die Retail-Seite mit einem besonderen Schwerpunkt auf grenzüberschreitende Zahlungen zielt, bin ich skeptisch.[MH1.1] Ich glaube nicht, dass er die Lösung für Cross-Border-Zahlungen sein wird, da die Regulatoren hier weltweit nachziehen werden und die Anforderungen, die heute für eine grenzüberschreitende Zahlung bestehen, auch bei der Nutzung von Stablecoins einführen werden.

Welche drei relevanten Entwicklungen sehen Sie in den nächsten fünf Jahren im internationalen Zahlungsverkehr?

Katja Lehr: In jedem Fall werden wir die Entwicklung von AI vor allem im Cyber Security-Bereich sehen – insbesondere, wenn man die neuesten Entwicklungen verfolgt. Wir müssen noch abwarten, ob die KI mehr Schutz oder mehr Bedrohung bringen wird. Auch im Settlement-Bereich auf der Wholesale-Seite wird mehr Bewegung in die Abwicklung zwischen den Banken kommen. Und drittens glaube ich, dass wir in fünf Jahren in Europa einen großen Schritt weiter sind, was die Souveränität im Zahlungsverkehr angeht: mit einer eigenen pan-europäischen Zahlungslösung.

Zur Person

Portraitfoto von Katja Lehr einer Referentin für den Bank-Verlag

Katja Lehr

Managing Director, Europe Product Head und EMEA Payments Industry & Advocacy Lead bei J.P. Morgan

Sie verantwortet die regionale Produktstrategie im Zahlungsverkehr sowie den Branchendialog und die Interessenvertretung. Zuvor leitete sie bei PayPal die globalen Bank- und alternativen Zahlungslösungen und trug maßgeblich zum Aufbau des Europäischen Zahlungsverkehrsgeschäfts bei. Frühere Stationen waren IFSA (heute Teil der American Bankers Association) und SWIFT. Zudem war sie 15 Jahre für die Dresdner Bank in den Bereichen Handelsfinanzierung, Internationaler Zahlungsverkehr, Produktmanagement und Strategie tätig

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